AYURVEDA - historische und aktuelle Betrachtung

AYURVEDA - In Indien ist eine mehr als 4000 Jahre alte ganzheitliche Medizin beheimatet. Sie trägt den Namen Ayurveda und repräsentiert das älteste bekannte Medizinsystem. Sie gilt bis heute als Mutter der Medizin . Der Begriff Ayurveda setzt sich aus zwei Sanskritwörtern (ayur=[langes gesundes] Leben, veda= Wissen) zusammen.

AYURVEDA - Wissen vom gesunden Leben

Diese Übersetzung kommt der Bedeutung des Begriffes Ayurveda am naheliegendsten. Ayurvedische Heilkunst versteht sich nicht als Alternative zur westlichen Medizin, sondern als ihre sanfte hilfreiche Ergänzung.

Ayurveda hat eine ehrwürdige Geschichte. Sie versteht sich als Wissenschaft und ihre praktizierenden Schüler sind aufgefordert, ihr eigenes als auch das Wissen eben der Wissenschaft Ayurveda ständig zu mehren. Ayurveda liegt im uralten Erbe Indiens begründet. Sie gilt als die am besten dokumentierte Heilkunst des Altertums.
Vor etwa 5000 Jahren wurde das Wissen zunächst mündlich weitergegeben. Dies geschah auch in Form von gesungenen Texten und Reimen, welche die Schüler zu erlernen hatten. Etwa um 1500 bis 1000 vor Christus wurde Ayurveda in einem der vier Haupt-Veden zusammengefasst. Die vier Veden sind die indischen Bücher der Weisheit, die als die ältesten Zeugnisse der indischen Literatur gelten.
Im Rig Veda, einer Sammlung von 1028 Versen, sind bereits Operationen, die Verwendung von Prothesen und 67 Heilpflanzen erwähnt. Der Atharva Veda erwähnt um 1200 v.Chr. bereits 290 Heilpflanzen und erläutert diverse Therapien gegen die verschiedenen Krankheiten. Diese Werke haben für die Medizingeschichte große Bedeutung.
Der Gründer der ersten Medizinschule in Indien, Atreya, lebte etwa um 700 v.Chr. Sechs seiner begabtesten Schüler verarbeiteten das medizinische Wissen ihrer Zeit in eigenen Werken. Die Sammlung Agnivesha Samhita, benannt nach ihrem Autor, blieb als einzige faktisch unversehrt erhalten.
Etwa in der Zeit 1000 und 700 v.Chr. lebte Charaka. Ihm haben wir eine großartige Zusammenstellung früher ärztlicher Kunst zu verdanken. In seinem Werk findet sich eine systematische Darstellung von Krankheiten, eine detaillierte Diagnostik, mehr als 500 Heilpflanzen-Beschreibungen, inclusive ihrer Wirkungsprinzipien bei unterschiedlichen Indikationen.

Die zweite Hauptsäule im Ayurveda entwickelte Sushruta. Sushruta hatte sich aufgrund seiner chirurgischen Kenntnisse auf dem Gebiet der Kriegsverletzungen verdient gemacht. Er entwickelte 121 chirurgische Instrumente. Er beschrieb das Klammern von Wunden mit Frauenhaar, Pferdehaar und Ameisenköpfen. Die Chirurgie darf sich als legitimes Kind der ayurvedischen Medizin bezeichnen.

Zur Zeit des Buddha, etwa 600 v. Chr. erlebte Ayurveda eine Blütezeit. In der Zeit des Buddha wurden die ersten medizinischen Hochschulen gegründet. Die ayurvedische Wissenschaft durften nur Söhne aus guter Familie, mit guter Auffassungsgabe und tiefer humanistischer Einstellung erlernen. Das Erlernen der Wissenschaft war nicht durch einfaches Lesen der Schriften möglich. Es mußte bei einem Guru erlernt werden.
Die Lehrer (Gurus) achteten strikt darauf, nur geeigneten Schülern das Wissen weiterzugeben.

Heute wird angenommen, dass auch Hippokrates, der etwa 200 Jahre nach Sushruta lebte, die medizinischen Werke anderer Kulturen studierte: Wir finden eine offensichtliche Ähnlichkeit der Drei-Säfte-Lehre (Tri-Doshas) von Ayurveda mit der antiken Humorallehre von Schleim, Galle und Blut als wichtige Grundlage für Gesundheit und Krankheit.

Bis zur Eroberung Indiens durch den Islam im 13. Jahrhundert bildete Ayurveda eine ungebrochene Tradition. Es war zu einem wissenschaftlichen Medizinsystem von einem erstaunlich hohen Wissensstand gewachsen.
Indien erlebte dann eine lange Phase von Repressionen durch den Islam und die Kolonialzeit. Alle Ayurveda-Schulen wurden geschlossen und durch Universitäten für westliche Medizin ersetzt. Erst seit der indischen Unabhängigkeitsbewegung wuchs wieder ein Bewusstsein für das eigene kulturelle Erbe. Die Ayurveda-Medizin entwickelte sich sprunghaft, wie befreit weiter.
Sie wuchs von einer Arme-Leute-Medizin zu einer National-Medizin, auf welche das indische Volk stolz war. 1921 eröffnete Gandhi nach langer Zeit der Aktivitäten im Untergrund wieder eine offizielle Ayurveda-Hochschule.
Schätzungen zufolge praktizieren heute wieder etwa 350.000 Ärzte in Indien Ayurveda.
Das Studium eines Ayurveda Arztes dauert 11 Semester bis zum Staatsexamen und erst nach weiteren 3 Jahren klinischer Tätigkeit wird der Doctor of Ayurveda verliehen.

Seit einigen Jahren erfährt Ayurveda auch in der übrigen Welt erhöhte Wertschätzung.
Dem grossen Reichtum, den die Quellen des Wissens in sich tragen, wird seit einiger Zeit von indischen Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit westlichen Therapeuten wachsende Aufmerksamkeit gewidmet. Es wurde begonnen, die Sanskrit inunsere westlichen Sprachen zu übersetzen und das verborgene Wissen zunehmend nutzbar zu machen.

Die philosophischen Grundlagen

Ayurveda ist als ganzheitliche Wissenschaft weltanschaulich und ideologisch unabhängig. Ihr religiöser Hintergrund hat nichts mit mit ideologischen oder kultanmutenden Strömungen gemein. Ayurveda versteht sich nicht als Geheimwissenschaft. Es wurde in den alten Schriften betont, dass Ayurveda für jeden zugänglich sein soll und Offenheit für andere Strömungen bestehen soll, wenn diese der Erhaltung von Gesundheit und langem Leben dienen.
Ayurveda als Wissenschaft dient der Erhaltung der Gesundheit und des Lebens sowie einer hohen Lebensqualität. Ayurveda betrachtet jeden Menschen als ein einmaliges Wesen mit ganz spezifischen und individuellen Merkmalen. Die ayurvedische Heilkunst betrachtet Krankheiten oder gesundheitliche Störungen immer im Gesamtsystem des erkrankten Menschen. Es werden keine Krankheiten, sondern Menschen behandelt. Körperliche Gesundheit ist untrennbar mit seelischer und geistiger Gesundheit verbunden. Als wichtigste Aufgabe sieht Ayurveda die aktive Förderung der Gesundheit auf ganzheitlicher Ebene. Es bedient sich dabei der Mineral- und Phytotheraphie, Massagen mit medizinierten Ölen, Packungen, balneologischen Anwendungen, Atem- und Körperübungen, Meditationen, typgerechter Ernährung und Hinweisen für eine gesunde Lebensweise.

... Ziel des Ayurveda ist es, Leiden und Schmerz zu mindern bzw. zu beseitigen und die Freude am Leben zu unterstützen. Deshalb beschäftigt sich Ayurveda mit lebensfördernden und lebenshemmenden Faktoren. Gesundheit heißt nicht immer nur ein glattes Funktionieren des Körpers, sondern sie bedeutet auch die Umsetzung des eigenen Potenzials, Erfüllung der eigenen Persönlichkeit und Harmonie mit dem Umfeld. Alles, was Gleichgewicht und Harmonie fördert, unterstützt Gesundheit, und alles, was die Harmonie stört, ist der Gesundheit abträglich.